{"id":201,"date":"2016-02-03T19:04:00","date_gmt":"2016-02-03T18:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.thueringen.freidenker.org\/cms\/?page_id=201"},"modified":"2016-02-03T19:04:00","modified_gmt":"2016-02-03T18:04:00","slug":"inklusion-der-letzte-schwere-schlag-gegen-das-staatliche-schulwesen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.thueringen.freidenker.org\/index.php\/kreisverbaende\/kv-jena\/texte\/inklusion-der-letzte-schwere-schlag-gegen-das-staatliche-schulwesen\/","title":{"rendered":"Inklusion der letzte schwere Schlag gegen das staatliche Schulwesen"},"content":{"rendered":"<p>von Annett Torres<\/p>\n<p>Die Initiative der UNESCO zur Bildung f\u00fcr alle beruht auf dem Mi\u00dfstand, da\u00df 2010 immer noch weltweit 61 Millionen Kinder keine Gundschule besuchen k\u00f6nnen, 775 Millionen Erwachsene, davon 2\/3 Frauen Analphabeten sind, 250 Millionen Kinder im Grundschulalter weder lesen noch schreiben k\u00f6nnen und 71 Millionen Jugendliche im entsprechenden Alter keine weiterf\u00fchrende Schule besuchen k\u00f6nnen und daher keine Chance haben, sich die n\u00f6tigen Kenntnisse f\u00fcr eine berufliche Perspektive anzueignen. (UNESCO-Weltbildungsberichts 2012 Kurzfassung)<\/p>\n<p>Inklusive Mehrwertsteuer &#8230; Inklusion als Substantiv war in der deutschen Sprache bisher nicht gebr\u00e4uchlich (Duden, 25. Auflage, Leipzig 1984, Mannheim 2006). Sein Ursprung als Fremdwort findet sich im Lateinischen bzw. im Englischen: inclusion (engl.) &#8211; Einschlu\u00df, Einbeziehung (Gro\u00dfes W\u00f6rterbuch Englisch: Axel Juncker VerlagM\u00fcnchen 2003) oder Inklusion \u2013 Einschlu\u00df, Enthaltensein (Wahrig Fremdw\u00f6rterlexikon: Bertelsmann Lexikon Verlag, G\u00fctersloh 1991). Inklusion ist kein Begriff aus der P\u00e4dagogik oder der Schwesternwissenschaft Psychologie wie auch schon das Unwort Kompetenz, welches Mitte der 90iger Jahre in die Sprache der Kultusministerien und damit der Lehrpl\u00e4ne, der P\u00e4dagogen an den Universit\u00e4ten und vor allem an den Studienseminaren f\u00fcr Lehrerausbildung hinein- und die Begriffe F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten verdr\u00e4ngte. Unter dem Schlagwort Inklusion soll ein jahrzehntelang gewachsenes ausdifferenziertes F\u00f6rdersystem f\u00fcr langzeitig physisch und psychisch beeintr\u00e4chtigte Kinder und Jugendliche kostensparend zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Der Grundansatz der P\u00e4dagogik ist, jedes Kind seinen Voraussetzungen nach optimal zu fordern und f\u00f6rdern. Entsprechend eines Erziehungsplanes und der Beobachtungen des Kindes ist die p\u00e4dagogische Arbeit dem aktuellen Entwicklungsstand immer wieder anzupassen. B\u00fcrokratische Hemmnisse stehen diesem oftmals entgegen, insbesondere wenn sich durch pers\u00f6nliche Krisen die Lebenssituation stark ver\u00e4ndert. In diesem Falle bedarf es einer ausreichend schnellen Reaktion der betreuenden Erwachsenen. Im Kleinstkindalter ver\u00e4ndern Minuten bis Stunden den Entwicklungsstand, im Kindergartenalter Tage, im Schulalter sind die Zeitr\u00e4ume Wochen und wenige Monate. Diesen Zeitfenstern sollte sich auch die Gesetzeslage anpassen. Die starke Trennung in die verschiedenen Schularten lassen die b\u00fcrokratischen Hindernisse f\u00fcr Laufbahn\u00e4nderungen stark anwachsen. In die Schule integrierte kleine Lerngruppen mit Problemsch\u00fclern, die zeitlich flexibel zusammengesetzt sind und von qualifiziertem, gleichbleibendem Personal angeleitet werden, wie es z.B. in Finnland \u00fcblich ist, k\u00f6nnten Abhilfe schaffen. Aber auch dort gibt es zus\u00e4tzlich F\u00f6rderschulen f\u00fcr Langzeitbehinderungen, die sich auf die speziellen Anforderungen personell und materiell einstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Bundesrepublik Deutschland hat die Benachteiligung und damit der Ausschlu\u00df von optimaler Entwicklung von normal entwickelten Kindern ihren Ursprung in der zu fr\u00fchen Selektion nach der vierten Klasse. Kinder aus bessergestellten Elternh\u00e4usern sind zu diesem Zeitpunkt denen aus \u00e4rmeren Schichten in ihrer individuellen Entwicklung deutlich voraus, da kognitive Aufnahmef\u00e4higkeit und gute k\u00f6rperliche Gesundheit in dieser Gesellschaft finanzielle Unterst\u00fctzung brauchen. Kindern aus wohlsituierten Elternh\u00e4usern k\u00f6nnen eine gute Kinderbetreuung, zus\u00e4tzliche, z.B. sprachliche Angebote im Kindergarten, Musikunterricht, sportliche Aktivit\u00e4ten, Urlaubsreisen, kindgerechtes Spielzeug und eine optimale Gesundheitsvorsorge bzw. Ern\u00e4hrung finanziert werden. Ebenso werden in diesem Alter die M\u00e4dchen aufgrund ihrer schnelleren geistigen und k\u00f6rperlichen Reifung bevorzugt, was in dem h\u00f6heren M\u00e4dchenanteil an den Gymnasien seinen Ausdruck findet. Kindergarten und Grundschule verm\u00f6gen diesen von Herkunft, Geschlecht sowie h\u00e4uslichem Engagement der Eltern abh\u00e4ngigen Entwicklungsvorsprung nicht auszugleichen. Erst, wenn die schulischen Leistungen in den h\u00f6heren Klassenstufen, ab achter bzw. neunter Klasse, vorrangig von den Jugendlichen selbst erbracht werden m\u00fcssen, k\u00f6nnen ehrgeizige und vor allem lernwillige Kinder mit schlechteren famili\u00e4ren Voraussetzungen aufholen.<\/p>\n<p>Die bestm\u00f6gliche F\u00f6rderung f\u00fcr in ihrer Entwicklung beeintr\u00e4chtigte Kinder und Jugendliche ist nicht unbedingt die gro\u00dfe Lerngruppe in allgemeinbildenen Schulen mit optimal etwa 20 Sch\u00fclern, sondern eher die Klein- bzw. Kleinstgruppe mit einem hohen Betreuungsschl\u00fcssel wie er besonders an F\u00f6rderschulen oder kleinen Schulen gegeben ist. Aufgrund der Sortierung von immer mehr Sch\u00fclern mit Entwicklungsst\u00f6rungen, verursacht durch das famili\u00e4re und soziale Umfeldes, in die F\u00f6rderzentren k\u00f6nnen diese nicht mehr ihrer eigentlichen Aufgabe, der F\u00f6rderung von Kindern mit speziellen Behinderungen gerecht werden. Sie verkommen zu Endstationen von Schulkarrieren nach zig Schulwechseln. Der Trend zu gro\u00dfen Schulzentren mit 1000 und mehr Sch\u00fclern gleicht eher einer Massenabfertigung und dient einem vor allem \u00f6konomisch effizienten Lehrereinsatz quer durch alle Schulformen und Klassenstufen.<\/p>\n<p>Die allgemeine Tendenz der Anhebung der Wochenstundenzahl bei Lehrern auf bis zu 28 Stunden und ein zunehmender, verdeckter, nicht konkret abrechenbarer Zeitaufwand f\u00fchrt zu einer permanenten \u00dcberlastung und zum Verschlei\u00df auch junger Lehrer. Hierzu z\u00e4hlen ein hoher b\u00fcrokratischer und zeitlicher Aufwand bei der Betreuung der zunehmende Zahl von verhaltensauff\u00e4lligen und f\u00f6rderbed\u00fcrftigen Sch\u00fclern wie seitenlange verbale Beurteilungen, F\u00f6rderpl\u00e4ne, stundenlange, oftmals stressige Elterngespr\u00e4che etc. Das alles macht durchaus ein Drittel der Lehrert\u00e4tigkeit aus und stellt keine direkte Arbeit mit dem Kind dar, was aber die eigentliche Aufgabe eines Lehrers ist. Des weiteren fallen zahlreiche Vertretungsstunden erkrankter Kollegen an, die diesem Stre\u00df nicht mehr gewachsen sind.<\/p>\n<p>Effektives Lernen erfolgt mittels zentraler F\u00fchrung des Bildungs- und Erziehungsprozesses durch den Lehrer. Diese Erfahrung wird nun durch die John-Hattie-Studie wissenschaftlich unterlegt. Auch wenn der Erziehungsanteil des Lehrers mittels sogenannter reformp\u00e4dagogischer Ans\u00e4tze des Kultusministeriums in Th\u00fcringen, sekundiert durch das Institut f\u00fcr Erziehungswissenschaften der FSU Jena, die Studienseminare und das Thillm, stark in Richtung eines Stundenhalters und Beobachters beschnitten wurde, gibt die Lehrerpers\u00f6nlichkeit durch ihr Agieren eine Orientierung f\u00fcr die Heranwachsenden.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Ausdifferenzierung der angestrebten Abschl\u00fcsse, damit ein sehr ungleicher Leistungsstand, der durch die Integration von F\u00f6rdersch\u00fclern in die Gro\u00dfgruppen weiter verst\u00e4rkt wird, verunm\u00f6glichen einen optimal organisierten Bildungsproze\u00df mit Methodenvielfalt, sozialer Stabilit\u00e4t, Leistungsvergleichbarkeit, spiralf\u00f6rmigem Curriculum, umfangreicher Allgemeinbildung und fundierten Grundkenntnissen.<\/p>\n<p>Bildung als wichtigstes Menschenrecht nach Ern\u00e4hrung, Gesundheit, Wohnung ist die Voraussetzung f\u00fcr die k\u00fcnftige Teilnahme eines Menschen an gesellschaftlichen Prozessen. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen bzw. Beeintr\u00e4chtigungen bed\u00fcrfen spezieller F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten, die nach individueller Pr\u00fcfung auszuw\u00e4hlen sind. Diese reichten bisher von einer vollen Integration in eine Klasse bzw. Gro\u00dfgruppe mit minimaler zus\u00e4tzlicher Unterst\u00fctzung hin zur Eingliederung in eine Kleinstgruppe mit spezieller sozialer und medizinischer Betreuung an F\u00f6rderschulen. Die \u00dcberweisung von f\u00f6rderbed\u00fcrftigen Kindern auf F\u00f6rderschulen ist immer eine Einzelfallentscheidung und erfolgt nach einem l\u00e4ngeren Pr\u00fcfungsproze\u00df. Dem entgegen stehen jetzt die Aufnahmestopps sowie Schlie\u00dfung von F\u00f6rderzentren in vielen Bundesl\u00e4ndern, obwohl Bedarf angemeldet wurde.<\/p>\n<p>Stabilit\u00e4t ist die wichtigste Bedingung f\u00fcr ein gut funktionierendes Bildungswesen. So hat sich das seit 1989 kontinuierlich schwarz regierte Sachsen bisher von den Wirren der Bildungsnovellen, die z.B. \u00fcber Sachsen-Anhalt oder Th\u00fcringen hinwegrollten, fernhalten k\u00f6nnen. Mittelst\u00e4ndische Unternehmen und Handwerker beklagen bei Schulabg\u00e4ngern allerdings die zunehmend unzureichenderen Grundkenntnisse in deutscher Rechtschreibung und Grammatik, Kopfrechnen, individualistische Verhaltensweisen, geringe Anstrengungsbereitschaft, schlechte Allgemeinbildung und ein niedriges Niveau in den MINT-F\u00e4chern. Der sachsenweite Durchschnitt der staatlichen Mittelschulen in Mathematik und Physik liegt bei \u201eausreichend\u201c. Die diesj\u00e4hrigen Kompetenztests f\u00fcr die achten Klassen der staatlichen Mittelschulen ergaben f\u00fcr die F\u00e4cher Deutsch, Englisch und Mathematik ebenso nur durchschnittliche Leistungen unter 60 %. Durch die zunehmende Unattraktivit\u00e4t und die Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen und den \u00fcber die UNO, EU und private Konsortien wie PISA erfolgenden Druck zur Durchsetzung von Minderheitenrechten \u00fcber die von Mehrheiten wird dem staatlichen Bildungswesen mittels Inklusion dieser letzte schwere Schlag versetzt, um dem Trend hin zu Privatschulen neuen Aufschwung zu verleihen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Annett Torres Die Initiative der UNESCO zur Bildung f\u00fcr alle beruht auf dem Mi\u00dfstand, da\u00df 2010 immer noch weltweit 61 Millionen Kinder keine Gundschule besuchen k\u00f6nnen, 775 Millionen Erwachsene, davon 2\/3 Frauen Analphabeten sind, 250 Millionen Kinder im Grundschulalter weder lesen noch schreiben k\u00f6nnen und 71 Millionen Jugendliche im entsprechenden Alter keine weiterf\u00fchrende Schule [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":197,"menu_order":200,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"class_list":["post-201","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P7cwsB-3f","jetpack-related-posts":[{"id":233,"url":"https:\/\/www.thueringen.freidenker.org\/index.php\/kreisverbaende\/kv-jena\/texte\/angst\/","url_meta":{"origin":201,"position":0},"title":"ANGST","author":"Webmaster","date":"3. 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