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Lexikon des freien Denkens
Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle unserer Homepage finden Sie auch in diesem Jahr wieder das „Stichwort des
Monats“. Der Aufsatz dazu ist dem „Lexikon freien Denkens“ entnommen.
Kindergarten
Die Idee eines Ks. entstand im Zuge der geistigen Erneuerung zu Beginn der Aufklärung und geht auf die
pädagogischen Theorien von FRIEDRICH FRÖBEL (1782-1852) zurück. Diese Konzeption wurde von JOHANNES
RONGE (1813-1887), - dem Gründer der „Deutschkatholischen Bewegung“, vertieft und schließlich über die
deutschen Länder hinaus eingeführt. Dies wurde mög-lich, weil die Deutschkatholiken, ebenfalls im Vormärz
entstanden, sich 1859 mit den „Protestantischen Lichtfreunden“ zum „Bund Freireligiöser Gemein-den
Deutschlands“ vereinigten, in dem RONGE auch seine Vorstellungen eines Ks. verwirklichen konnte.
FRÖBELS Vision war zunächst beeinflusst von JOHANN HEINRICH PESTALOZZI (1746-1827) und in gewissem
Sinne auch von JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712-1778). Da er selbst unter einer autoritären Erziehung litt, - sein
Vater war orthodoxer evangelischer Pfarrer, - setzte er dem dogmatischen System, wie es in seinem Elternhaus
gepflegt wurde, ein humanistisches Modell entgegen. Es sollte auch die vorwiegend jesuitisch geprägten
Methoden, - heute würde man eher von behavioristischen Theorien sprechen, - ablösen. Zielsetzung war eine
natürliche Entwicklung der Heranwachsenden statt „Zucht“. In der romantischen Stimmungslage seiner Zeit,
verglich FRÖBEL den Kinderhort mit einem Garten, in dem sich die Kinder wie Pflanzen, - ohne ideologischen
Zwang, - ganz nach ihren Fähigkeiten frei entfalten sollten. Deshalb die Bezeichnung Kinder„garten“ Dazu
entwickelte er dann noch entsprechende Spiel- und Beschäftigungsmittel. Durchaus einfache Dinge, wie z. B.
den Ball aus Stoff, den die Kinder „begreifen“ konnten oder die Holzkugel, die je nach Untergrund über den sie
rollte, verschiedene Geräusche erzeugte usw. Gleichzeitig verband er Spiel mit Tätigkeiten in Form von
einfachen Arbeiten, um die Kinder auch auf das wirkliche Leben vorzubereiten.
RONGE nahm die Vorstellungen FRÖBELS auf, entwarf Grundsätze eines neuen Erziehungswesens und forderte
bereits damals schon die Bildung von Kindergärten und Schulen, die selbstständig und frei von konfessionellem
Zwang sein sollten. Als er 1849 in Hamburg die erste „Mädchenhochschule“ gründete und damit einen
entscheidenden Schritt zur Gleichberechtigung der Frau vollzog, - es war die erste Hochschule in welcher junge
Mädchen nicht nur in das Erziehungswesen eingeführt wurden, sondern auch in die höheren Wissenschaften, -
übertrug er die Ausbildung der Kindergärtnerinnen FRIEDRICH FRÖBEL. Als Leiter dieser Mädchenhochschule, -
eröffnet 1850, - wurde dessen Neffe, Professor KARL FRÖBEL (1807-1894) berufen, der zwar die
Kindergartenidee engagiert förderte, aber der Idee einer Gleichberech-tigung der Frau eher skeptisch
gegenüberstand, besonders was deren Einfluss auf die Gestaltung des Lehrplans betraf. Leider wird häufig
FRIEDRICH FRÖBEL mit seinem Neffen KARL verwechselt und ihm dadurch eine ambivalente Haltung zur
Gleichberechtigung der Geschlechter unterstellt. Dies geht auf einen Irrtum der preußischen Polizeibehörde
zurück, bei dem man FRIEDRICH FRÖBEL einen „unchristlichen Geist“ unterstellte, was zeitweise zur Schließung
der „Fröbel´schen Kindergärten“ führte. Dieser Vorwurf betraf jedoch KARL FRÖBEL, der deutschkatholisch
war.
KARLS älterer Bruder JULIUS FRÖBEL (1805-1893) nun wieder, - ebenfalls deutschkatholisch, - wirkte von 1836
bis 1842 an der Universität in Zürich als Professor für Mineralogie, wurde 1848 Abgeordneter der Deutschen
Nationalversammlung im Frankfurter Paulskirchenparlament und beteiligte sich mit ROBERT BLUM (1807-1848)
am Studenten- und Arbeiteraufstand in Wien. Zusammen mit BLUM wurde er zum Tode verurteilt, aber im
Gegen-satz zu diesem begnadigt und ebenfalls Lehrer an der Frauenhochschule in Hamburg. Bereits 1849
emigrierte er aber nach Amerika, wo er u. a. zusam-men mit MALWIDA VON MEYSENBURG (1816-1903) dort
Kindergärten und Deutschkatholische resp. Freireligiöse Gemeinden gründete, welche - soweit sie noch
existieren - heute in den USA zu den Unitarischen Gemeinschaften gehören.
Zuvor musste jedoch bereits der bedeutendste deutschkatholische bzw. freireligiöse Repräsentant, JOHANNES
RONGE, wegen seiner öffentlichen Kritik, die er als ehemaliger Abgeordneter des Frankfurter Vorparlaments an
der Haltung des preußischen Königs übte, flüchten. Er konnte deshalb auch der Eröffnung seiner
Mädchenhochschule nicht beiwohnen, setzte sich aber nun auch international für die Emanzipation der Frau ein
und gründete darüber hinaus mit seiner Frau BERTHA weltweit Kindergärten. Deshalb auch die deutsche
Bezeichnung „Kindergarten“ in fast allen Fremdsprachen.
So hatte die erzwungene Emigration RONGES auch seine positiven Seiten. In London besuchte THEODOR
FONTANES (1819-1898) Sohn GEORG den von JOHANNES RONGE und seiner Frau betriebenen „Ronge-
Kindergarten“. Sein Vater hoffte, dass sein Sohn dort seine Schüchternheit verlieren würde.
═> Behaviorismus ═> Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands,
═> Dogmatismus, ═> Jesuiten, ═> Konfession, ═> Prägungstheorie,
═> Unitarier
Literatur: BARDENHEUER, RITA Woher und Wohin: Geschichtliches und Grundsätzliches aus der
Frauenbewegung Leipzig 1918. BREDERLOW, JÖRN „Lichtfreunde“ und „Freie Gemeinden“ München und
Wien 1976. GERVI-NIUS, GEORG GOTTFRIED Die Mission der Deutschkatholiken Heidelberg 1845. GRAF,
FRIEDRICH WILHELM Die Politisierung des religiösen Bewusst-seins: Die Bürgerliche Religionsparteien im
deutschen Vormärz Stuttgart 1978. MEYSENBURG, MALWIDA VON Memoiren einer Idealistin Berlin und Leipzig
1899. PILICK, ECKHART (Hg) Lexikon freireligiöser Personen Rohrbach/Pfalz: Guhl o. D. SATTER, ERICH:
Möglichkeiten und Grenzen einer pluralistischen Ethik Neustadt/Rbg.: Lenz 2003. RONGE, JOHANNES Religion
und Politik Frankfurt am Main: Literarische Anstalt J. Rütten 1850. Wesen und Auftrag - die freireligiöse
Bewegung Mainz 1959. Das neue Taschenlexikon Gütersloh: Bertelsmann 1992.
ERICH SATTER
Das „Lexikon freien Denkens“ erscheint seit dem Jahr 2000 regelmäßig in Fortsetzungen mit
einer Lieferung pro Jahr beim Angelika Lenz Verlag Neu-Isenburg. Konzipiert und begründet
wurde es von JAN BRETSCHNEIDER, JOST CIMUTTA U und HANS-GÜNTER ESCHKE U . Als
Herausgeber fungieren Dr. Dr. JAN BRETSCHNEIDER und Dr. ERICH SATTER. Es ist als Lose-
Blatt-Sammlung in Mappen angelegt und somit jederzeit erweiterungs- und
aktualisierungsfähig. Stichworte und Inhalte sind aus der Sicht von Humanismus und
Freidenkertum ausgewählt. Das Lexikon enthält außerdem Biografien von Menschen, die sich
als Freidenker Verdienste erworben haben.
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