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Wort zum Sonntag
Das Wort zum Sonntag von Dr. Dr. Jan Bretschneider

"Integration. Der Begriff hat einen negativen Beigeschmack, das monieren

Migrantenorganisationen bereits seit längerem. Schließlich betont der Terminus einzig die Pflicht der Zugewanderten, sich in die Gesellschaft der Mehrheit zu integrieren. Andersrum muss aber natürlich auch die Mehrheitsgesellschaft ihren Beitrag zu dem Prozess leisten, der uns zu einer gemeinsamen Gesellschaft führt. Von daher scheint Partizipation, also Teilhabe, die bessere Bezeichnung zu sein für das, um was es geht: Zusammen ein gleichberechtigtes Gemeinwesen zu schaffen."(Martin Krüger zum neuen Partizipationsgesetz im Bundesland Berlin; Neues Deutschland 04.08.2010 S. 9)
Liebe Leserinnen und Leser,
vieles von dem, was Martin Krüger hier ausdrückt, kann ich ebenfalls mit ruhigem Gewissen unterschreiben, aber nicht in allem teile ich seine Auffassungen. Und zu diesen Differenzen will ich mich äußern. Der erste Unterschied bezieht sich auf die pejorative Wertung des Begriffes Integration. Der "negative Beigeschmack" kommt nicht vom Begriff, sondern von seiner Verwendung und seinem jeweiligen Inhalt. Unser leider verstorbene Mitbegründer des "Lexikon freien Denkens", Hans-Günter Eschke, schreibt in seinem Aufsatz dazu:"Vom lat. Verb integrare, heil, unversehrt machen, wiederherstellen, ergänzen ... ein Ganzes ausmachend ... Wiederherstellung eines Ganzen ... Integration als ergänzende Wiederherstellung eines Ganzen deutet darauf hin, das jenes Ganze sowohl als Integrationsprozess wie auch als ein Resultat desselben zu verstehen ist ..."Was soll daran negativ sein? Wenn Integration derart gesehen wird, dann sicherlich an solchen Stellen, wo integrationswilligen Menschen diese Integration erschwert oder gar verwehrt wird.Und damit bin ich beim zweiten Unterschied der Ansichten. Laut Definition ist es durchaus nicht so, dass Integration nur die Pflicht der Migranten beinhaltet, sich einer "Mehrheitsgesellschaft" anzupassen. Der Folgesatz bei Martin Krüger betont ja das dabei erforderliche Wechselspiel. Aber, liebe Leserinnen und Leser, machen wir uns nichts vor: Integration bedeutet auch, diesen Prozess aktiv zu gestalten. Und hierbei gibt es auf beiden Seiten Defizite. Hätten wir sonst Parallelgesellschaften Integrations- und Partizipationsunwilliger, und hätten wir sonst einen bürokratischen Apparat, der vielfach Integration hemmt oder gar unmöglich macht? Aus dieser Sicht komme ich zum dritten Unterschied der Auffassungen. Ich halte Partizipation für keinen glücklichen Vorschlag als Ersatzwort für Integration, weil dieses gerade die Einseitigkeit eines Prozesses betont, die es ja zu vermeiden gilt. Liebe Leserinnen und Leser, Sie könnten mich jetzt vielleicht der Wortklauberei zichtigen. Darum geht es mir jedoch nicht, sondern um die Klarheit dessen, was gewollt ist und was mit dem Partizipationsgesetz erreicht werden soll. Und dazu gehört auch die begriffliche Transparenz.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen, aber auch nachdenklichen Sonntag.
Dr. Dr. Jan Bretschneider
 
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